Obereuerheim - Geschichte - Israelitische Kultusgemeinde - Kultusgemeinde
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1699J3 | „Schulmeister namens Falck von Obereuerheimb“ in Schonungen belegt. | |
1782J3 | Errichtung der ersten bekannten Synagoge in Obereuerheim und die Judenschaft besitzt eine Wohnung für den Schullehrer. | |
1871 / 1872J4 | Bau der neuen Synagoge in Obereuerheim. | |
1909J3 | Auflösung der jüdischen Kultusgemeinde Obereuerheim. |
Die erste Erwähnung eines Obereuerheimer Juden findet sich in einer Meldung des Amtes Mainberg vom 21. Mai 1699 an den Bischof Philipp von Würzburg, indem die in Mainberg wohnenden Juden aufgeführt werden und am Ende ein Schulmeister namens Falck von Obereuerheim erwähnt wirdJ99:
Außenseite:
Dem Hochwürdigsten deß heyl. Römb. Reichßfürsten des Herrn, Herrn Johann Philipper Bischofer zu Würzburg, des Herzogen zu Franckhen, deinem gnädigsten Priester und Herrn, Herrn hochfürstl. Canzley Würzburg
Mainberg hat 4. M. 6 W. 8 K. 3 Dienstboth hab ihre Schutzb: ohne dem SchullM: Sa 22 KoptSa 22. Köpt
gebrechen
… 21. Maij 1699
Innenseite 1:
Hochwürdigster Fürst, Gnädigster Herr, Herr
Nach gnädigst Ergangenen Decreto habe beijliegende Specification der Judenschaft hiesigen ambts Underthänigst hirmit Uberschickhen wollen
Eüer Hochfürstl. Gnaden
Mainberg, den 14. … Maij 1699.
Underthänigst=Treü gehorsambter Diener.
Johann Jacob …
Innenseite 2:
Specification
Herrn zu Schonungen, Ambts Mainberg Hausgesessenen Juden
Kussel Jud hat Ein Frau, 5 Kinder und ein Dienst-Mägdlein welcher seinen Schuzbrief iederzeit gehabt, und Jährlichen 10 fr. Schuzgeld geben.
Moijschel hat Ein Frau, 1 Kind, 1 Dienstbuben und gleich obigen seinen Schuzbrief gehabt und noch hat, ang. 10 fr. Schuzgeld geben
Jößlein hat Ein Frau, 1 Kind und seine Mutter beij sich so seinen Schuzbrief Aufzuweisen und vermag des jährlichen 6 fr. Schuzgeld entrichtet, so lang seine Mutter beijm leben ist.
Fäustlein hat Ein Frau, 1 Dienstmägdlein, sein Mutter und die Tochter beij sich, welcher vor ¾ Jahr geheijrathet, aber hat noch keinen Schuzbrief gelößt, vielweniger Schuzgeld geben, dessen Mutter hingegen bißher jährl. 5 fr. Schuzgeld geben, so aber vorgestern gestorben.
und
haben Sambtliche Juden Einen Schulmeister nahmens Falck von Ober-Eüerheimb beij sich
Johann Jacob …J99
© Staatsarchiv Würzburg, Gebr. IV W 273.
Im Jahre 1782 wird erstmals eine Synagoge und in Obereuerheim erwähnt. Außerdem besitzt die Judenschaft eine Wohnung für den Schullehrer.J100
1817 schrieben sich sechs Familienvorstände in Obereuerheim ein, von denen vier im Viehhandel tätig waren, bei der Witwe Heinemann (Heßla) wurde Viehschlachten als Erwerb genannt. Zwei Jahre später erhielt Koppel Kaufmann (Löb) noch eine siebte Matrikelstelle. Er ernährte sich wie Joseph Stern (Jacob) vom Feldbau.J101
Im „Statistisch-topographisches Handbuch für den Unter-Mainkreis des Königreichs Bayern.“ Wird im Jahre 1830 eine Übersicht der Verhältnisse in Obereuerheim wie folgt abgedruckt:
Schweinfurt, Obereuerheim, bei Untereuerheim, (t.r – 10.) R. Gemeinde und Pfarrdorf, 2¼ Stunden vom Amt Schweinfurt. 1 Schloß, mit 63 Wohnhäusern, 82 Familien, 398 Einwohner, hievon 355 Katholisch, 1 Protestant, 42 Juden; zum Patrimonial-Gericht Zeilitzheim gehörig, Pfarrdecanat Gerolzhofen mit Filial Untereuerheim, 1 Schule.J148
Aus dieser statistischen Quelle geht hervor, dass 1830 10,55% der Gesamtbevölkerung von Obereuerheim Juden waren.
Eine weitere statistische Quelle findet sich im Jahr 1839 in „Israelitische Annalen. Ein Centralblatt für Geschichte, Literatur und Cultur der Israeliten aller Zeiten und Länder.“:
Statistische Notizen.
(Die Juden in Unterfranken und Aschaffenburg betreffend.)
Unser Kreis, früher Untermainkreis genannt, hat bei der neuen Eintheilung des Königreichs nur einen neuen Namen erhalten, ist aber in seinen frühern Verhältnissen unverändert geblieben. Es wohnen in demselben uhngefähr 17,500 Juden, die in vielen kleinen Gemeinden vertheilt sind, und nur wenige Orte, in welchen die Judenfamilien die Zahl 40 übersteigen. Ich theile Ihnen übersichtlich einstweilen mehre Ortschaften mit, in welchen Juden wohnen, mit Angabe der Familien- und Seelenzahl, sowie auch der besondern Abgaben und Ausgaben, nebst Andeutung, wie viel auf Landwirthschaft und Handwerk ansäßig sind. Rücksichtlich der letzteren darf nicht unbemerkt bleiben, daß in unserem Kreise erst seit 1817 die Erlernung eines Handwerks und der Ankauf von Feldgütern gesetzlich gestattet ist, weßwegen auch nur diejenigen darauf ansäßig sein können, welche seit jener Zeit ihre Ansäßigmachung erlangt haben.
Ich glaube nicht, mich an eine bestimmte Reihenfolge halten zu müssen und bemerke nur noch, daß die gesammelten Notizen bereits ein Jahr alt sind, innerhalb welcher Zeit indeß wenig sich verändert hat, was hier in Betracht zu ziehen wäre, mit Ausnahme der Ertragelder, welche gefordert werden, größtentheils auch schon entrichtet werden, gegen welche jedoch die Juden den Recurs ergriffen haben.
In folgenden Ortschaften unsers Kreises wohnen Juden:J149
Obereuerheim, L. G. B. Schweinfurt, 9 Familien, 48 Seelen, darunter 4 auf Landwirthschaft und 3 auf den Betrieb eines Handwerkes ansäßig sind. Diese wenigen Gemeindemitglieder unterhalten eine eigne Religionsschule, welche sammt dem Kultus 160 fl. Kosten verursacht. An das Königl. Rentamt haben nur die nicht auf Oekonomie und Handwerk Ansäßigen Schutzgeld zu zahlen und zwar jährlich 14 f. Dagegen fordert die Gutsherrschaft (Graf von Schönborn) von jeder Familie 5 fl. jährliches Schutz- und 33 f. Receptionsgeld.J124
Aus dieser Aufstellung geht auch die Höhe der Schutzgelder der jüdischen Familien in Obereuerheim hervor, die an das Königliche Rentamt, aber auch an die Grafen von Schönborn zu zahlen waren.
Auch vor Betrügern und Gaunern waren die jüdischen Bürger und Einwohner Obereuerheims nicht sicher. In „Eberhardt’s Allgemeiner Polizei-Anzeiger.“ vom 10. August 1861 wird eine Person gesucht, die unter anderem in Obereuerheim Beiträge für den Bau einer Synagoge zu Kirrweiler gesammelt hatte. Er trat auf als Bernhard Levy, Rechnungsführer von Kirrweiler, und übernachtete vom 3. auf den 4. Mai 1861 im Wirtshaus von Obereuerheim. Gegen ihn wurde ein Haftbefehl ausgestellt und gebeten, ihn in das Untersuchungsgefängnis nach Schweinfurt zu bringen. Ihm wurde Betrug zweiten Grades vorgeworfen.J150
In den Jahren 1871 und 1872 stand in der jüdischen Gemeinde der Neubau der Synagoge an.
Aus den Matrikeln und den Statistiken ist ersichtlich, dass auch in Obereuerheim die sogenannte Landflucht einsetzte. Vorwiegend die jüngeren Familien mit Kindern siedelten Ende des 19. Jahrhunderts in die größeren Dörfer und Städte, in denen die Industrialisierung bessere Arbeitsplätze bot.
Num. 2150.
Königliches Bezirksamt Schweinfurt.
An die Königliche Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg
Kammer des Innern.
Betreff:
Auflösung der israelitischen Kultusgemeinde Obereuerheim und Zuteilung der Beteiligten zur Kultusgemeinde Schweinfurt.
Zur Regg.-Entschl. vom ./. ten ./.
Num. ./.
Referent: Bezirksamtsassessor Heßdörfer.
Beilagen:
1 Amtsakt.
Schweinfurt, den 15ten Juni 1909.
K. REGIERUNG v. U. u. A.
18. JUN. 1909
K: d: INNERN
18114
Nachdem die Zahl der selbständigen männlichen Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde Obereuerheim in den letzten Jahren auf 2 herabgesunken ist, wird von seiten der Beteiligten die Auflösung der israelitischen Kultusgemeinde Obereuerheim und die Zuteilung der noch in Obereuerheim verbleibenden Israeliten zur Kultusgemeinde Schweinfurt beabsichtigt.
Bezüglich der Verwendung des Vermögens der Kultusgemeinde Obereuerheim sind von den Beteiligten die gleichen Bestimmungen wie bei Auflösung der israelitischen Kultusgemeinde Werneck getroffen worden.
Eine Erinnerung hirgegen dürfte nicht bestehen.
[Unterschrift]J97© Staatsarchiv Würzburg, Regierung von Unterfranken Regierungsabgabe 7134.
Aus der Extra-Beilage zur Zeitschrift „Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum“ vom 12. April 1911 geht hervor, dass noch Spenden von jüdischen Bewohnern in Obereuerheim geflossen sind:
51. Jahrg.
Extra=Beilage zu No. 15 des „Israelit“.
Verzeichnis der zur Unterstützung unserer Glaubensbrüder im hl. Lande bei dem Unterzeichneten im zweiten Quartale des Jahres 5671 eingegangenen Spenden.
Schweinfurt. Durch Distr. Rabb. Dr. Stein, Challo-Gelder und Machazith Haschekel: von Adelheid Lehmann 6, Fanny Leopold u. Jette Stern 8, Ricka Lehmann 6. Malchen Einstädter 6, aus Schweinfurt 11.25, Obereuerheim 11.95, Gochsheim 3, Spenden St. 3, für Blindeninstitut R. R. London 6, für R. M. b. H. Frau Joseph Rosenberger 5, R. R. Weisenbach 4.20, zus. 75.J152
Anfang des 20. Jahrhunderts war die heutige Hirtengasse unter den Bewohnern Obereuerheims umgangssprachlich die Judengasse, da in ihr fast ausschließlich jüdische Familien wohnten und dort auch die Synagoge steht. Interessant ist jedoch, dass in der Uraufnahme von 1833 die Synagoge nicht als Kultbau abgebildet wurde.
Ein heute nicht mehr begangener Pfadacker hieß 1930 im Volksmund noch jüdepfod und „wurde früher von Juden und Händlern benützt; er führte nach Grettstadt“.J11
Wolfgang Dorda veröffentliche in seiner Seminararbeit des Sommersemesters 1979 verschiedene Gespräche mit älteren Leuten in den Gemeinden Schwanfeld, Obereuerheim, Gochsheim, Schonungen und Obbach. In diesen konnte man immer wieder dieselben, oder doch zumindest ähnliche Verhaltensmuster beobachten. Fragte man nach den Juden des Ortes, so stieß man zunächst auf misstrauische Zurückhaltung. Fragen wurden anfangs zwar höflich, jedoch einsilbig beantwortet. Gab man nicht auf, so entwickelte sich ein Gespräch, das recht lange andauern konnte. Man spürte förmlich, wie sich die Verkrampfung löste, wie ein Tabu durchbrochen wurde, das das Gewissen der Leute belastet.
Eine alte Frau aus Obereuerheim erzählte, dass ihr Vater ein armer Pächter war, der nur eine einzige Kuh im Stall hatte. Als die Kuh alt war und keine Milch mehr gab, kam ein jüdischer Viehhändler, stellte ihm eine junge Kuh in den Stall und nahm die alte Kuh dafür. Da der Jude sah, dass der Bauer arm war, nahm er dafür keinen Aufschlag.
Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Obereuerheim in Zahlen:
1670 | 3 jüdische FamilienJ153 | ||||
1740 | 7 jüdische FamilienJ153 | ||||
1814 | 9 jüdische Familien | 37 JudenJ153 | |||
1817 | 6 jüdische FamilienJ153 | ||||
1830 | 398 Einwohner | 42 JudenJ148 | |||
1839 | 9 jüdische Familien | 48 JudenJ124 | |||
10 jüdische Familien | 54 JudenJ103 | ||||
1842 | 482 Einwohner | 42 JudenJ126 | |||
1844 | 10 jüdische FamilienJ8 | ||||
1867 | 444 Einwohner | 57 JudenJ151 | |||
1868 | 444 Einwohner | 57 JudenJ175 | |||
1875 | 53 Juden | 1 Kultusbeamter | 5 SchulkinderJ127 | ||
1884 | 475 Einwohner | 1 KantorJ138 | |||
1892 | 7 jüdische Familien | 7 SchulkinderJ65 | |||
1893 | 7 jüdische Familien | 6 SchulkinderJ66 | |||
1894 | 7 jüdische Familien | 6 SchulkinderJ67 | |||
1895 | 7 jüdische Familien | 6 SchulkinderJ68 | |||
1896 | 7 jüdische FamilienJ56 | ||||
1897 | 7 jüdische FamilienJ57 | ||||
1898 | 7 jüdische Haushalte | 2 SchulkinderJ58 | |||
1899 | 7 jüdische Haushalte | 2 SchulkinderJ60 | |||
1901 | 7 jüdische Haushalte | 2 SchulkinderJ61 | |||
1903 | 7 jüdische Haushalte | 16 Juden | 2 SchulkinderJ62 | ||
1905 | 428 Einwohner | 7 jüdische Haushalte | 16 JudenJ73 | ||
1909 | 2 JudenJ153 |